Nvidia verkauft nicht mehr nur Chips. Nvidia kauft sich ein — ins gesamte AI-Ökosystem. Über $40 Milliarden hat das Unternehmen 2026 bereits in Beteiligungen investiert. Letzte Woche allein: $3,2 Mrd. in Glasfaserspezialist Corning, $2,1 Mrd. in Rechenzentrum-Betreiber IREN.

Das ist keine Nebentätigkeit mehr. Das ist ein zweites Geschäftsmodell.

Von $3,4 auf $22,3 Mrd. — in einem Jahr

Die Zahlen aus der Bilanz: Nvidias Beteiligungsportfolio stieg innerhalb eines Jahres von $3,4 Mrd. auf $22,3 Mrd. Dazu kommen $8,9 Mrd. realisierte Gewinne. Im ersten Quartal 2027 allein: $18,6 Mrd. investiert, laut SEC-Filing (Form 10-Q).

Einige dieser Investments gehen direkt an AI-Modellentwickler — die dann wiederum Nvidia-Chips kaufen (oder in der Cloud nutzen). Nvidia finanziert also indirekt seine eigenen Kunden. Das erinnert an Dot-com-Zeiten. Nur dass es diesmal in einer Größenordnung passiert, die damals undenkbar war.

Ein Beispiel: Die $5-Mrd.-Wette auf Intel ist heute über $25 Mrd. wert. Intel legte 2026 um 176% zu. Ein historischer Return — in wenigen Monaten.

Nvidia investiert entlang der gesamten Lieferkette: Glasfaserkabel (Corning), Rechenzentren (IREN), Photonik-Technologie (Lumentum, Coherent, Marvell — jeweils $2 Mrd.), AI-Modelle (OpenAI, Anthropic, xAI).

Das ist kein Zukauf von Expertise. Das ist Kontrolle über Infrastruktur.

China: 95% Marktanteil — dann null

Vor den US-Exportbeschränkungen hielt Nvidia 95% des chinesischen AI-Chip-Markts. Dann kam April 2025: Die US-Regierung verlangte Lizenzen für H20-Chip-Exporte nach China. Nvidia musste eine $4,5-Mrd.-Abschreibung verbuchen. Der Marktanteil fiel auf nahezu null.

Alibaba, Tencent, ByteDance bekamen Genehmigungen für H200-Käufe — aber kein einziger Chip kam an. Das Weiße Haus blockierte auch nach den Zusagen.

Im Juni 2026 verschärfte das US-Handelsministerium die Regeln nochmal: Exportbeschränkungen gelten jetzt auch für chinesische Tochterfirmen im Ausland. Damit sind Schlupflöcher geschlossen. Laut Berichten hatten "hunderttausende" High-End-Chips über ausländische Niederlassungen chinesische Firmen erreicht.

Nach Trumps China-Besuch gibt es Hoffnung auf Lockerungen. Aber bisher: keine Lieferungen.

Cerebras-IPO: Der erste börsennotierte Nvidia-Herausforderer

Am 15. Mai ging Cerebras Systems an die Nasdaq. $5,55 Mrd. eingesammelt — der größte US-Tech-IPO seit Uber 2019, der größte Halbleiter-IPO überhaupt.

Cerebras baut Chips für Inferenz (das Ausführen fertiger AI-Modelle). CEO Andrew Feldman behauptet: 15x schneller als Nvidia. OpenAI und Amazon gehören bereits zu den Kunden.

Der Kurs sprang am ersten Tag um 68%. Die Nachfrage war so groß, dass Cerebras institutionelle Investoren bat, Maximalpreise anzugeben — um Spekulation von echter Nachfrage zu trennen. Der IPO-Preis wurde zweimal nach oben angepasst.

Aber: Cerebras hat ein Konzentrationsproblem. 62% des Umsatzes 2025 kamen von einer einzigen Universität in den Emiraten. 2024 waren es 85% von G42. Die Lage verbessert sich — aber echte Diversifikation sieht anders aus.

Trotzdem: Cerebras zeigt, dass der Markt nach Nvidia-Alternativen sucht. Und dass Investoren bereit sind, dafür zu zahlen.

AMD: +115% seit Jahresbeginn

Während Nvidia mit China-Blockaden kämpft, läuft AMD. Die Aktie legte 2026 um 115% zu — mehr als jede andere AI-Aktie.

Der Grund: EPYC-CPUs boomen. Meta und OpenAI haben langfristige Lieferverträge unterzeichnet. AMD etabliert sich als zentraler Infrastruktur-Player in Rechenzentren.

Für Nvidia heißt das: Der Wettbewerb wird härter. Nicht nur bei Chips, auch bei Rechenzentrumsarchitektur.

Was passiert am Mittwoch, 20. Mai?

Nvidia veröffentlicht Quartalszahlen für Q1 FY2027. Zwei Fragen stehen im Mittelpunkt:

  1. Wie stark belastet das Investitionsportfolio die Bilanz? $18,6 Mrd. in einem Quartal sind eine enorme Kapitalbindung.

  2. Sind China-Hoffnungen bereits eingepreist? Falls keine Lockerungen kommen, könnte der Kurs reagieren.

Nvidia generierte im letzten Geschäftsjahr $61 Mrd. freien Cashflow. Mehr als die meisten Länder. Aber selbst für Nvidia ist $40 Mrd. in wenigen Monaten eine neue Dimension.

Stonewave Take

Nvidia baut gerade etwas, das es so noch nicht gab: einen Chip-Hersteller, der gleichzeitig Venture Capitalist, Infrastruktur-Investor und Ökosystem-Architekt ist. Das ist strategisch brillant — wer die gesamte Lieferkette kontrolliert, kann Abhängigkeiten minimieren und Margen maximieren.

Aber: Es schafft auch neue Risiken. Wenn AMD, Cerebras und andere aufholen, ist Nvidia nicht mehr nur Chip-Anbieter — sondern auch Investor in einem zunehmend umkämpften Markt. Und China bleibt die größte offene Frage. 95% Marktanteil zu verlieren, lässt sich nicht einfach wegdiversifizieren.

Die Quartalszahlen am Mittwoch werden zeigen, ob Nvidia diese Transformation finanzieren kann, ohne die eigene Bilanz zu gefährden. Unser Geld steht auf: Ja. Aber knapper als vor einem Jahr.


Quellen: CNBC · TechCrunch · CNBC Photonics

Ursprungsquelle: AI Crunch Newsletter · 2026-05-18

Verfasst von Stella · Reviewed & ergänzt von Neo Erbler, Managing Director